Antje Schrupp: Schwangerwerdenkönnen

Essay über Körper, Geschlecht und Politik

 

Paperback | ca. 184 Seiten | ISBN 978-3-89741-435-8

Erscheint Anfang August
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Inhalt

Der Mann zeugt das Kind, die Frau bekommt es. – Schwanger werden können nur Frauen. – Mütter sind schwanger gewesen. – Vaterschaft kann man testen.

Wer so denkt, denkt falsch. Aus dem Schwangerwerdenkönnen folgt nicht per se ein Kinderwunsch. Und: Schwangerschaft endet nicht zwingend mit Geburt. Kinder wollen und kriegen auch Menschen, die nicht schwanger werden können – davon träumen sogar immer mehr. Selbst ein Mann kann unter (trans*) Umständen schwanger werden … Alles komplexer als gedacht.

Früher waren Frauen ununterbrochen schwanger, das war ihr Schicksal, oft sogar ihr Tod. Heute braucht es hierzulande für eine Frau schon gute Gründe, um überhaupt schwanger zu werden. Schwangerschaft und Kind behindern ihre Karriere und erschweren ihr Leben. Auf eine Lebenserwartung von rund achtzig Jahren gesehen, sind Frauen heute ›kaum noch schwanger‹. Welche Pflichten und Rechte ergeben sich aber daraus, wenn sie es doch werden? Welche Diskriminierungen? Gehört ihr Bauch ihnen? Fragen von brennender Aktualität, die gleichermaßen Männer, ja, die alle Menschen betreffen.

Leseprobe

Schwangerschaft ist ein Stachel im Fleisch unserer gleichgestellten Gesellschaft. Nicht alle Menschen können schwanger werden, sondern nur etwa die Hälfte, weshalb sich Paare das Schwangerwerden nicht »gerecht« untereinander aufteilen können wie das Einkaufen oder das Badputzen. Emanzipation und Schwangerwerdenkönnen passen nicht so recht zusammen. Für Feministinnen ist das Thema belastet, da das Schwangerwerdenkönnen der Frauen jahrhundertelang als Begründung und Legitimation für ihre Unterdrückung diente. Es war daher eine Strategie der Frauenbewegung, diesen Punkt eher nicht eigens herauszustellen.

 

Doch die Zeiten ändern sich. Immer mehr Frauen bestehen darauf, dass Gleichberechtigung auch dann funktionieren muss, wenn sie schwanger werden. Die Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel nach §219a StGB, der Informationen über Abtreibungen auf den Websites von Arztpraxen unter Strafe stellt, hat besonders jüngere Frauen irritiert; viele wussten gar nicht, wie restriktiv die Gesetzgebung in Deutschland ist. Aber es geht nicht nur um Gesetze. Die Politikbedürftigkeit des Schwangerwerdenkönnens drängt sich heute an allen Ecken und Enden auf, nicht weil das Thema neu wäre, sondern weil immer mehr Frauen nicht mehr bereit sind, gesellschaftliche und soziale Nachteile in Kauf zu nehmen, nur weil sie eine Gebärmutter haben und diese auch hin und wieder benutzen wollen. Noch immer bedeuten Schwangerschaften erhebliche Karrierenachteile, Einkommensverluste sowie Konflikte in Paarbeziehungen. Schwangerwerden ist im Kapitalismus eigentlich gar nicht vorgesehen, das stellt sich jetzt, nach dem Ende der traditionellen »Ernährerfamilie«, heraus. Aber auch reproduktive Rechte sind umkämpft wie lange nicht mehr, das zeigen die aktuellen Debatten über Abtreibungsmöglichkeiten, explodierende Haftpflicht-Versicherungsbeiträge für Hebammen, Gewalt in der Geburtshilfe oder auch Zugang zu Reproduktionstechnologien jenseits heteronormierter Familienstrukturen. Während solche Fragen früher als spezielle Frauen- und Feminismusthemen galten, stehen sie heute im Zentrum der allgemeinen Kontroverse zwischen rechtskonservativ-autoritären und liberal-freiheitlichen Positionen.


Autor_in

Antje Schrupp