Claudia Opitz-Belakhal: Streit um die Frauen

und andere Studien über die frühneuzeitlichen »Querelle des femmes«

 

Paperback | ca. 230 Seiten | ISBN 978-3-89741-440-2

Erscheint im September 2019
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Inhalt

 2018 konnte man in Deutschland einhundert Jahre Frauenwahlrecht feiern. So altbacken das erscheinen mag, aber aus demokratischer Sicht gibt es kaum ein erinnerungswürdigeres Jubiläum. Denn mit dem Zugeständnis des aktiven und passiven Wahlrechts an die »andere Hälfte« der Bevölkerung endete eine lange, eine sehr lange Debatte über Frauen, Männer und Geschlechterhierarchien. Sie nahm im Frühhumanismus (etwa um 1400) ihren Anfang, sollte nicht weniger als vierhundert Jahre andauern und ging als »Querelle des femmes« in die europäische Geschichte ein. Eineinhalb Jahrhunderte politischen Kampfes mussten folgen, bis Frauen das Wahlrecht bekamen.

Heute ist kaum vorstellbar, dass dieses Recht je wieder abgeschafft werden könnte. Mittlerweile wird sogar im konservativsten (und wenig demokratischen) Saudi-Arabien vorsichtig an eine politische Integration von Frauen gedacht. Doch zeigt nicht zuletzt die in den vergangenen Jahren immer heftiger werdende Aufregung über »den Genderismus«, dass weder politische noch kulturelle und schon gar keine wissenschaftlichen Errungenschaften je unumstritten sind. Der »Streit um die Frauen« ist, jedenfalls vorderhand, noch nicht beendet.

Selbst die Forschung über die Geschlechterdebatte der »Querelle des femmes« hat inzwischen eine schon fast so lange Tradition wie der Kampf um das Frauenwahlrecht. Die Historikerin Claudia Opitz-Belakhal stellt im hier angekündigten Band wesentliche Themen und Stationen dieser ›alten‹ Debatte vor. Ausgehend von der Frage nach deren »Sitz im Leben«, erklärt sie die Ursachen von Geschlechterungleichheit und die Stimme der Frauen in den frühneuzeitlichen »Querelle«-Texten, bis hin zur Bedeutung dieser Debatte für die Neuordnung der Geschlechterfrage in der Französischen Revolution. Dabei werden gleichzeitig Kontinuität und Wandel im Hinblick auf moderne Feminismen ausgelotet, die in die Zukunft weisen.

Leseprobe

Die Texte der »Querelle des femmes« sind wunderbare Studienobjekte. So zeigt sich in ihnen etwa auch die Entwicklung der Körper- und Geschlechtsvorstellungen der frühen Neuzeit. Das frühneuzeitliche bzw. vormoderne »One-sex-model« (Thomas Laqueur), ein letztlich undifferenziertes Körpermodell, das die weibliche Physis bis hin zu den Geschlechtsorganen lediglich als (invertierte, angereicherte oder degenerierte) Variante der männlichen Physis betrachtete, lässt sich auch in den »Querelle«-Texten wiederfinden. So schreiben Marie le Jars de Gournay oder François Poullain de la Barre beiden Geschlechtern nicht nur dieselben geistigen Fähigkeiten bzw. eine »vernünftige Seele« zu, sondern betonen vor allem auch ihre körperliche Ähnlichkeit. Dasselbe gilt für die weiblichen Leidenschaften. Den von misogynen Autoren, allen voran dem des »Hexenhammer«, immer wieder herbeizitierten weiblichen »Lastern« wie Gier und Geilheit, Gefallsucht, Eitelkeit und Herrschsucht stellen die »Querelle«-Autorinnen und -Autoren einen ganzen Katalog männlicher Schandtaten und Verhaltensweisen sowie Leidenschaften wie Spielsucht, Machtgier, ungezügelte Gewalttätigkeit usw. gegenüber.

 

Die Autorinnen des späteren 18. Jahrhunderts, allen voran die heute berühmte Olympe de Gouges, mussten sich dagegen ganz auf das moralische Gewicht der Gleichheitsideen stützen, die ihnen die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte lieferten. Weder die Medizin und die Physiologie standen länger für Gleichheitsforderungen zur Verfügung, noch gar die Theologie, als sich Gott zu einem »Höchsten Wesen« verflüchtigte. Die neue Verfassung war ganz auf die Gewalt der »Natur« gegründet – welche aber den Frauen eben gerade nicht den Bürgerstatus, sondern lediglich die Rolle als Ehefrau und vor allem als Mutter zuwies. Allenfalls konnten sie mit einer höheren Sensibilität und »Empfindsamkeit« argumentieren, doch damit waren sie im harten Kampf um die Bewahrung der Freiheit eher schlecht ausgestattet. Es ist daher wenig verwunderlich, dass sich gerade auch Revolutionärinnen an der Bekämpfung der Frauen-Volksbewegung beteiligten und sich, wie die Historikerin und Autorin Louise-Félicité de Keralio-Robert, aktiv gegen das weibliche Bürgerrecht aussprachen.