Erdmute Sylvester-Habenicht: Die Muse hat genug geküsst, sie schreibt!

Frauen und Literatur. Spannende Antworten auf 33 verblüffende Fragen

 

Paperback | ca. 132 Seiten | ISBN 978-3-89741-437-2

Erscheint im September 2019
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Inhalt

Bereits um 1800 wurde über Geschlecht, Kunst und Ästhetik heftig diskutiert. Ein Konzept moderner Autorschaft bildete sich heraus, das auf den Autor ausgerichtet war. Das ist beileibe nichts Neues, aber leider bis heute gültig, wie Zahlen belegen. Neu ist jedoch die Herangehensweise, mit der Erdmute Sylvester-Habenicht sich des Themas annimmt und geschlechtersensible Literaturwissenschaft für ein breiteres interessiertes Publikum aufbereitet: Sie stellt 33 pfiffige Fragen und gibt ebenso anschauliche wie erbauliche Antworten anhand historischer Beispiele.

Selbst die Wahl der Genres ist vom Geschlecht abhängig. Welche Zuschreibungen legen Frauen aber auf bestimmte Genres fest? Warum dürfen sie beispielsweise Briefe schreiben und Liebesromane, jedoch keine Dramen? Warum erhalten Krimischreiberinnen deutlich weniger Preise als ihre Kollegen? Warum wird aus der Literatur von Frauen unter der Hand ›Frauenliteratur‹, aus der von Männern aber Literatur an sich? Welche Konsequenzen hat die Zuordnung zu bestimmten Genres für die Anerkennung und Einschreibung ins literarische Gedächtnis? Welche Geschlechterbilder ermöglichen oder verhindern, dass Frauen literarisch in Erscheinung treten und gewürdigt werden? Welche Strategien benutzen sie selbst, um sich zu etablieren? Wie stehen sie in Relation zum ›genialen Autor‹? Welche Probleme ergeben sich für schreibende Frauen angesichts einer männlich geprägten Tradition?

Leseprobe

Eine Frau kämpft für die Rechte der Frauen – und dafür landet sie auf dem Schafott?

Wäre Olympe de Gouges (1748–1793) die Verlobte von Johann Gottfried Herder (1744–1803) gewesen, hätte er sie vor-gewarnt. War sie aber nicht. In den Genuss der Vorwarnung, als gebildete Frau nicht zu dreist aufzutreten, kam dafür Caroline Flachsland (1750–1809).

Zu dreist? Das heißt, das Wort zu ergreifen, sich öffentlich einzumischen. »Eine Henne, die da krähet, und ein Weib, das gelehrt ist, sind üble Vorboten: Man schneide beiden den Hals ab.« Dieses arabische Sprichwort sollte Herders Zukünftiger eine Mahnung sein, sich auf weibliche Tugenden zu besinnen.

Wie viel Angst vor der Geisteskraft der Frauen musste hinter dieser Redewendung stecken, dass Männer es nötig hatten, Frauen derart einzuschüchtern! Musste Herder seine Verlobte wirklich so sehr verschrecken? Wohl eher nicht. Sie hatte das Rollenarrangement der Geschlechter im 18. Jahrhundert – den Männern zu gefallen, ihnen nützlich zu sein und das Leben zu versüßen (Jean-Jacques Rousseau, 1712–1778) – zweifellos bereits verinnerlicht. Stellte sie sich doch während und auch nach ihrer Ehe ganz und gar in den Dienst ihres Mannes.

Olympe de Gouges hingegen hatte keinen Geliebten an ihrer Seite, der sie in die Schranken wies. Ob solche Drohgebärden sie vor dem sicheren Tod unter dem Fallbeil gerettet hätten? Sicher nicht. Doch welche Gefahr sollte schon von einer wie ihr ausgehen? War doch die junge Witwe aus der Provinz gerade mal achtzehnjährig, als sie, mit Kind und geringfügigem Auskommen und vermutlich als Analphabetin noch dazu, bei ihrer Schwester in Paris unterkam. Doch zu unterschätzen war sie nicht. Sie blieb unverheiratet und investierte in ihr geistiges Potential. Und sie ging ihren Weg: von der Autodidaktin über die Schriftstellerin und Pamphletistin bis hin zur politischen Aktivistin und Frauenrechtlerin – geradewegs unter die Guillotine!

Was hatte sie sich zuschulden kommen lassen? Nun: Anstatt sich in die ihr zugedachte Rolle zu schicken, begab sie sich unerschrocken auf männliches Terrain. Als Schriftstellerin, Mitte dreißig schon, in revolutionärer Zeit.