Qiu Miaojin: Aufzeichnungen eines Krokodils

Paperback | ca. 366 Seiten | ISBN 978-3-89741-441-9

Auch als eBook erhältlich

 

Erscheint im März 2020
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Inhalt

Taiwan in den 1980er-Jahren: Ausgerechnet an der Elite-Uni in Taipeh erwacht die Gegenkultur. Nachdem das Kriegsrecht aufgehoben ist, bricht die Jugend auf. Sie will leben und lieben, wie sie will. Aber wie geht das eigentlich: Freiheit?

Die Studentin Lazi liebt Frauen – und wehrt sich dagegen. Es ist schließlich verboten, Sünde, »verdorbene Nahrung«. Aber ihre Liebe zu der etwas älteren Shui Ling wird zur Obsession. Die beiden ringen heftig mit- und umeinander. Als Grenzen verletzt sind, flüchtet Lazi zu einer Clique schillernder Außenseiter, aber auch sie kämpfen mit sich und dem Leben. Da taucht eines Tages ein Krokodil in Menschenkleidern auf, das gern Pelze streichelt und am liebsten Windbeutel frisst. Und es gibt immer mehr Krokodile!

 

Die »Aufzeichnungen eines Krokodils« avancierten im asiatischen und amerikanischen Raum der Overseas Chinese Community zum Kultbuch. Der Spitzname Lazi steht dort heute für »Lesbe«, das Krokodil gilt als Symbol für Transgender.

Der leidenschaftliche, mit literarischen Formen wie Tagebuchnotizen, Aphorismen, allegorischen Einschüben sowie (Genre-)Grenzen spielende Roman einer großen chinesischsprachigen Autorin ist voller Scharfsinn und skurrilem Witz, erzählt aber auch ganz offen vom Schmerz ihrer Zeit.

Leseprobe

Ich verschloss Tür und Fenster, zog den Telefonstecker und setzte mich an den Tisch. So geht nämlich Schriftstellerei!

      Als ich mich müde geschrieben hatte, rauchte ich zwei Zigaretten und verschwand ins Bad, um mich kalt abzuduschen.

     Es war Taifun-Wetter, wir hatten Sturm und Sturzregenfälle. Ich war obenherum schon ausgezogen, als ich sah, dass im Bad die Seife fehlte. Also streifte ich mir schnell ein Hemd über, holte aus meinem Zimmer ein Stück Happy-Soap und huschte ins Bad zurück. So schreibt man einen »Bestseller«!

     Während ich um ein Uhr nachts mit einem Ohr das Nachtprogramm des Polizeisenders hörte und mich dabei einseifte, gab es plötzlich einen Riesenknall. Im Elektrizitätswerk hatte sich eine Explosion ereignet. Im gesamten Umkreis war Funkstille und alles tintenschwarz; überall war der Strom ausgefallen.

     Jetzt sah es ja keiner, also kam ich nackt aus dem Badezimmer, um nach Kerzen zu suchen. Ich fand nur drei kleine Teelichte. Mein einziges Feuerzeug war leer, weswegen ich sie mit in die Küche nahm. Auf dem Weg rannte ich den Ventilator um. Ich hielt sie zum Anzünden über die Flamme am Gasherd, bis die Halter zu heiß wurden und die Teelichte schmolzen. Ich hatte sie nicht anbekommen. Da wusste ich auch nicht weiter.

     Also öffnete ich die Balkontür und trat ins Freie, um mich ein wenig abzukühlen. Ich hoffte, noch andere Exemplare der menschlichen Spezies zu entdecken, die nackt auf ihren Balkonen standen. Auf die Art entsteht »gehobene Literatur«.

     Falls es doch kein Besteller und auch keine gehobene Literatur wird, wird‘s eben ein Aufsehen erregendes Buch.  


Autor_in

Qiu Miaojin