Hauer, Sina (Hg.): Geschichten über 30

Kurzgeschichten

 

Hardcover mit Lesebändchen,

152 Seiten

ISBN 978-3-89741-405-1

19,00 €

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Inhalt

Die Zahl dreißig füllt einen Monat mit Tagen, zählt Jahre, erzeugt Jubiläen, trennt Generationen ... Sie sorgt für Schneckentempo in Geschwindigkeitszonen, hängt als Nummer an einem Haus, gibt Anlass zur ›Perlenhochzeit‹ und einen prächtigen Blumenstrauß. Sie teilt Lebensabschnitte, weckt Bilanzbedarf und wirft ein Licht auf die Zukunft.
Einige unserer Autorinnen und Autoren haben sich vom 30. Jubiläumsjahr dieses Verlages inspirieren lassen und uns Geschichten geschenkt: teils skurrile, teils traurige, teils muntere Short Stories, die auf je eigene Weise Bezug nehmen auf die titelgebende Dreißig.

Geschichten von Eike Bornemann, Marianne Bunes, Julia Dankers, Veneda Mühlenbrink,  Carolin Schairer, Daniela Schenk, Barbara M. Strebel, Katarina Struik, Antje Wagner und Jonas Zauels.

Leseproben

 

Das Haus mit der Nummer 30, das ein bisschen so aussieht, als sei es aus großer Höhe in den Garten hinabgefallen, ist ein echtes Hexenhäuschen. Hier spuke es, erzählt man sich, doch vor mir in der Terrassentür steht die schönste Frau der Welt und lächelt mild. Ihr Haar glänzt dunkelbraun und seidig wie in der Shampoowerbung. Völlig unvorbereitet trifft ihr Blick den meinen und hält mich gefangen. Aus ihren dunklen Augen schießen Blitze, sie treffen mein Herz, ein gut gezielter Streifschuss, der mich schwindelig macht. Unsicher nicke ich ihr zu, weil ich auf die Schnelle keine Worte finde. Augenblicklich bleibt die Zeit stehen.
»Entschuldige«, bittet die junge Frau im blassroten Kleid, bevor sie ihr Haar zur Seite wirft, eine zauberhafte, unbedachte Geste, die mich um die Mitte herum schmelzen lässt wie Himbeereis in der Sommersonne.
»Kein Problem«, krächze ich leise, als hätte ich Angst, die Gartenzwerge um uns herum aufzuwecken, die mit offenen Augen zu schlafen scheinen, wachsam und erschöpft zugleich.
»Weißt du, es ist nur so, dass sich hierher nicht allzu oft Leute verirren«, schiebt sie achselzuckend hinterher. »Genaugenommen bist du der erste Besucher in den letzten dreißig Jahren …«
Aus: »Das Hexenhaus in der Louisenstraße« von
Julia Dankers

Apropos … Willst du wissen, was die größte Strafe ist?
Nun, unser Firmensitz liegt heute im Kern eines Schwarzen Lochs. Das ist der neueste Schrei, wie sich Christen das Universum vorstellen. Alles ist von Gott gemacht. Ich nehme an, das ist SEINE Auffassung von einem guten Witz! Und selbstverständlich müssen wir uns auch hier an die derzeitigen irdischen Vorstellungen halten.
Was das bedeutet, fragst du? Na, wir saugen hier quasi alles auf, aber nur in Ausnahmefällen lassen wir was raus.
Also eigentlich archivieren wir nur noch den ganzen Krempel, der hier reinkommt. Das geht so lange, bis irgendeine barmherzige Erdenseele sich neue Naturgesetze ausdenkt und unsere Arbeitsanweisungen wieder mal angepasst werden.
Und als ob das nicht schon übel genug wäre: Aus irdischer Sicht altert man hier praktisch überhaupt nicht mehr!
Ist dir klar, was das heißt?
Jedes gottverdammte Jahr werde ich dreißig Jahre alt!

Aus: »Die Sache mit Konstantinopel« von Eike Bornemann 


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