Waltraud Schwab: Brombeerkind

Paperback | ca. 200 Seiten | ISBN 978-3-89741-450-1

Auch als eBook erhältlich

 

Erscheint im März 2021
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Inhalt

Die Frau am Fenster – sie hat etwas erlebt, das sie belastet, nicht loslässt, und worüber sie nicht sprechen kann. Stattdessen versetzt sie sich in ein grünäugiges Mädchen, das sie von ihrer Berliner Wohnung aus beobachtet, dem sie manchmal auf der Straße begegnet und dessen nicht minder dramatisches Leben sie sich zusammenreimt.

 

Ihr Plan, sich zu entfliehen, geht jedoch nicht auf. Denn da gibt es auch einen Journalisten. Er will eine Story: über jemanden, der Schuld am Tod eines Menschen hat. Darum will er die Geschichte der Frau, will wissen, was genau vor Jahren am Meer geschah … Wäre ihre Geschichte einmal erzählt, könnte die Frau das grünäugige Mädchen als Rettungsanker loslassen und endlich eine eigene Zukunft haben. Vielleicht sogar mit ihrem Bekannten, dem ›Biologen‹. Sie müsste sich nicht länger wegsperren in ihre vier Wände, könnte gehen und sich einlassen auf die Welt. Für den Journalisten zählt die Frau aber nicht. Er will die Story. Ob sie stimmt, ist für ihn egal.

 

Im Wechselspiel zwischen Ansinnen und Verweigerung wird das Leben der Frau, aber auch dasjenige des Mädchens erkennbar. Was dabei im Umfeld zutage tritt, ist befreiend, berührend zart, bedrückend hart. Und es wirft die Frage auf, was wahr ist und was erfunden und ab wann diese Frage keine Rolle mehr spielt …

Leseprobe

Wovor sie Angst hat, das ist noch unsagbar. Sie hat diese Mauer um sich aus dunklen Gedanken. Niemand hat sie eingerissen, ist eingebrochen, durchgedrungen bis zu ihr. Gelingt es jemandem, ist sie verloren. Noch will sie nicht erkannt sein.

Sie schaut vom zweiten Stock, in dem sie wohnt, hinunter auf die Straße. Der Blick auf die oberen Etagen der Häuser auf der anderen Seite verstellt vom Blattwerk der Bäume, die in der Mitte stehen.

Noch einmal ist sie davongekommen. Sie atmet auf.

 

Da sieht sie die vier Mädchen, die in diesem Augenblick um die Ecke kommen, rauchend. Sie hatte gehofft, dass sie da sind, hat sie gesucht, alle Ecken der Straße im Blick. Sind sie da, kann sie sich an ihnen festhalten. Die eine von ihnen, die links, die Grünäugige, ist ihr die Liebste. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese jetzt der in der Mitte in die Rippen pufft, irritiert die Frau am Fenster und fasziniert sie doch, denn die fast schon erwachsene Autorität, die die Grünäugige ausstrahlt, ist stark. Die Mädchen kichern. Sie sind von der Schule drüben um die Ecke; sie treiben sich oft in dieser Straße herum. Es ist eine Mädchenstraße.

Zwei Querstraßen weiter, dort, wo auch die Gitter sind, die den Bolzplatz einzäunen, treffen sich dagegen die Jungen ganze Nachmittage lang. Ganze Abende, Nächte. Sie hat das beobachtet, wie sie auch ihre eigene Angst und also ihre eigene Vergangenheit beobachtet und dabei niederkämpft, da sie, ließe sie die Vergangenheit zu, ihr Kind vermissen würde.

 

Die Frau, die eben noch außer sich war, geht zurück in die Küche. Jetzt schämt sie sich, dass es wieder über sie gekommen ist. Aber Scham ist sinnlos. Niemand ist da. Und es Scham zu nennen, wozu? Vielmehr, das wird jetzt klar, ist ihr Gefühl, das sie aufschrecken ließ, eins der Erwartung. Sie erwartet, dass etwas geschieht. »Ich wollte mich schälen wie eine Zwiebel«, sagt sie in die Küche hinein und erschrickt ob ihrer eigenen Stimme. Erst jetzt merkt sie, dass sie die Schere noch immer fest in der Hand hält, ihre Knöchel ganz weiß.

Wo sie nun wieder in der Küche ist, stockt der Fortgang der Geschichte, denn so eine soll es sein; aufgeschrieben in dieser harten Sprache, in der es ›Stacheldraht‹ heißt, hart, präzise, kalt. Nicht ›stachliger Draht‹, als wäre es ein Tausendfüßler, ein Schlangenkaktus, eine Brombeerrute.

Nein, ›Stacheldraht‹. Sie sieht ihn vor sich. Es ist die Sprache, die für Verordnungen taugt, sie hat das erfahren, mit Maßnahmen, Stundenplänen, Regeln. Eine Zeit lang hat das Vorgegebene sie zusammengehalten, sonst hätte sie sich aufgelöst.

Aber ach, das Andere gibt es auch: Dass die Sprache keine Grenzen setzt, dass sie Fenster öffnet, weil man sich Zeug ausdenken kann, einfach so: Unterwasserschrank, Göttermilch, Luftröhrenweste, verrauchte Zwergenangst. Wörter, die verzaubern, bevor diejenigen, die sie lesen, sich schulterzuckend abwenden, weil die Wörter wie Träume sind. Gäbe es diese Wildheit in der Sprache nicht, wären die Leute Gefangene ihrer eigenen Sätze. Sie weiß das, denn bevor sie diese Mauer um sich gebaut hat, hat sie sich festgehalten am Unmöglichen, hat die Farben der Sehnsuchtsquallen besungen, bei Gewittern Schutz unter Schmerzbäumen gesucht und vom karamellisierten Herzwasser getrunken. Sie war Sängerin, eine, die Lieder schreibt. Jetzt aber hat sie Angst vor dem Sprechen. Und vor dem Singen erst recht.

 

Also Angst.

Auch die Mädchen da unten auf der Straße vor ihrem Balkon kennen Angst, selbst wenn sie furchtlos tun. Die Frau hat, wenn sie langsam die Mädchenstraße entlanggeht und die Teenager beobachtet, wie diese sich nach der Schule hier herumtreiben –wohl wegen der Bank, die zwischen den Bäumen in der Mitte der Straße steht, fast eine Allee also –, auch die Angst im Blick der Mädchen gesehen. Und ihre Verlorenheit. Aber ihre Hoffnung, dass Großes geschehen wird, ist größer.

 


Autor_in

Waltraud Schwab